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Christoph Hein macht an einem scheinbar unspektakulären Leben die jüngere deutsche Geschichte begreifbar. Er spürt den Gründen nach, die Menschen dazu bringen können, sich jedem politischen System anzupassen. Oder aber, diese Anpassung, wie der Protagonist, zu verweigern. Die Figuren seines Romans, die Hein in all ihren Widersprüchlichkeiten fein konturiert, müssen sich entscheiden, ob sie ihrem Gewissen folgen wollen oder ihren materiellen Interessen. 

Hein hat nicht nur einen herausragenden Roman, sondern auch ein geschichtsträchtiges Lehrstück geschrieben. Am Beispiel eines Menschenlebens demonstriert er die Fehler und Versäumnisse der beiden deutschen Staaten, die nach dem Ende der NS-Herrschaft entstanden sind. Seine Kritik ist fundamental, weil sie unangenehme Fragen stellt und bequeme Antworten verweigert.

Die Sprache des Romans ist im besten Sinn einfach. Der Ich-Erzähler Boggosch berichtet als Chronist in eigener Sache, ohne sprachliche Volten, genauso gradlinig, wie er durch sein Leben gegangen ist, aber nicht ohne emotionale Tiefe. Mit größtmöglicher Akribie werden auch scheinbar nebensächliche Details geschildert. So entsteht das facettenreiche Bild zweier gegensätzlicher Gesellschaftsformen, für die Verdrängung von Geschichte zum konstituierenden Element wurde. 
Der Roman von Christoph Hein wird eindringlich als Schullektüre empfohlen.